Billige Arbeitskräfte sind nicht mehr der wichtigste Faktor zum Heranziehen ausländischer Investitionen in Bulgarien

Transformation - das ist das Wort, das den aktuellen Zustand der heimischen Industrie am treffendsten beschreibt. Laut einer Analyse des Instituts für Marktwirtschaft für den Zeitraum von 2008 bis Anfang 2024 verliert Bulgarien sein Image als Land, das mit seinen billigen Arbeitskräften ausländische Investitionen anlockt.

Moderne Trends in Produktion und Handel sowie die Auswirkungen externer Wirtschaftskrisen haben zu einer natürlichen Neuausrichtung der Industrie in Bulgarien geführt. Nach Angaben des Instituts für Marktwirtschaft verlieren Low-Tech-Sektoren wie Textil-, Bekleidungs- und Möbelunternehmen, die früher den größten Anteil an der Beschäftigung hatten, jetzt ihr Potenzial, und die Zahl der Beschäftigten geht entsprechend zurück. Im Gegensatz dazu nehmen Produktion, Umsatz und Beschäftigungswachstum im der Mittel- und Hochtechnologiesektor zu. Dazu gehört die Produktion von elektrischen Ausrüstungen und Komponenten für die Automobilindustrie, die so genannte Mechatronikbranche. Hier ist das Produktionswachstum seit 2008 um 60 Prozent gestiegen und die Zahl der Beschäftigten nimmt deutlich zu - ebenfalls um 60 Prozent. Auch in der Produktion von Computerausrüstung und Elektronik ist eine Veränderung zu verzeichnen - hier beträgt das Produktionswachstum 150 Prozent, aber die Zahl der Beschäftigten bleibt vorerst gering, nur etwa 10.000 bis 11.000 Menschen.

„Es wird erwartet, dass die Sektoren mit dem höchsten Wachstum in diesem Jahr wieder die Rüstungsindustrie sowie die Computer- und Kommunikationsausrüstung sein werden“, sagte  Petar Ganew, Wirtschaftswissenschaftler beim Institut für Marktwirtschaft und weiter:

Petar Ganew

„Die Leichtindustrie und die Industrie im Allgemeinen, die fast 500.000 Arbeitsplätze schafft, befindet sich im Wandel. Branchen wie die Textil-, Bekleidungs- und Möbelindustrie werden umstrukturiert. In diesen Unternehmen gehen Arbeitsplätze verloren, und dieser Trend wird sich fortsetzen. Außerdem produzieren sie weniger als früher. Bei den Hochtechnologieunternehmen wie dem Automobilsektor und der Mechatronik hingegen ist der langfristige Trend trotz einiger Probleme aufgrund des geringen Wirtschaftswachstums in Europa inzwischen positiv. Es gelingt ihnen sogar, Arbeitsplätze zu schaffen, die Produktivität zu steigern und zum Wirtschaftswachstum des Landes beizutragen. Dieser Wandel wird sich fortsetzen. Wir sagen bereits, dass wir kein Ziel für Investitionen aufgrund der billigen Arbeitskräfte sind. Wir beobachten, dass mehrere Fabriken in Nordwestbulgarien ihre Produktion einstellen. Das bedeutet, dass man in dem Moment, in dem man diesen Wettbewerbsvorteil eines billigen Standortes nicht mehr hat, um andere Dinge kämpfen muss. In Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit wirkt sich das aus, die Menschen müssen sich umorientieren und andere Arbeitsplätze finden.“


Insgesamt sei der Trend jedoch positiv, meint Petar Ganew. Seinen Worten zufolge müssen wir uns an dieses Modell gewöhnen, bei dem die Arbeitskosten in Bulgarien erheblich steigen, sogar stärker als die Arbeitskosten in Europa. Jetzt liegen sie bei 10-15 Prozent pro Jahr, und in einigen Branchen erreichen sie bis zu 25 Prozent pro Jahr. Die Nachricht wird nicht mehr das Wachstum der Beschäftigung und der Dienstleistungen sein. Petar Ganew betonte, dass die Textil- und Bekleidungsunternehmen auch in den weniger technologieintensiven Branchen bestrebt sein werden, mehr Kapital zu investieren und die Produktion zu modernisieren. Auf diese Weise werden sie effizienter und wettbewerbsfähiger auf dem ausländischen Markt.


„Es gibt Lohnzuwächse in allen Branchen, weil der Mindestlohn steigt und wir den Zusammenhang mit der Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge im Haushalt berücksichtigen müssen. Dies sind zusätzliche Arbeitskosten. Wenn im Jahr 2027 die Sozialversicherungskosten um 3 Prozent erhöht werden, sind das zusätzliche Arbeitskosten, die zu einem weiteren Verlust an Wettbewerbsfähigkeit für die Unternehmen in diesem Bereich führen. Daher wird die Frage des Humankapitals, des Wissens und der industriellen Infrastruktur besonders wichtig werden. Denn dies sind andere Faktoren als die Arbeitskosten“, so Petar Ganew abschließend.

Fotos: BGNES, BTA, se.com, industryinfo.bg, kvorum-silistra.info

Übersetzung: Rossiza Radulowa

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